Spaziergänge im Theresienthal
Kausalität
Auf die Ursache folgt die Wirkung.
Ein ganzes Menschenleben lang haben wir das so gelernt. Deswegen versuchen wir gern, bestimmte, gewollte Wirkungen zu verursachen. Das klingt jetzt ein wenig absurd und abstrakt, aber wir machen das wirklich tagtäglich, und wenn es - unserer Ansicht nach - gelingt, dann feiern wir diesen Umstand als »Erfolg«. Bedauerlicherweise - auch gefährlicherweise - hat dieses Denkmodell »Ursache-Wirkung« einige Aspekte und Begleiterscheinungen, die oft gar nicht gedacht oder lässig beiseitegeschoben werden. Da kann es dann schon passieren, dass man - trotz vermeintlichen Erfolges - letztendlich dumm aus der Wäsche schaut.
Da wäre zum Ersten:
Jede Angelegenheit, die man sich selbst überlässt, verwandelt sich über kurz oder lang in ihr Gegenteil.
Ist ja auch klar so. Die Zeit steht nicht still, und wenn man auf dem Gipfel steht, kann es nur mehr talwärts gehen, und umgekehrt kann man aus dem tiefsten Tal nur einen Hang hinaufsteigen. Der Berg wird über Jahrmillionen abgetragen zur Ebene, in weiteren Jahrmillionen wird die Ebene wieder aufgefaltet zu einem Hochgebirge, vielleicht weil Afrika an Europa anpumpst oder weil ein Komet einschlägt und eine gewaltige tektonische Falte aufwirft.
Das Auto aus Stahlblech - auch wenn man es nicht verschrottet - verrostet im Lauf der Jahrzehnte - und irgendwann, aus irgendwelchen Gründen, wird aus dem Rost eine andere Struktur, vielleicht ein rotes Blutkörperchen (natürlich viele).
Man bekommt eine Gehaltserhöhung zumindest im Ausmaß der Inflation (Erfolg, den man aber leicht vergisst). Dann werden die Sachen teurer (inflationsgetrieben, das merkt man an den Preisschildern), und man ärgert sich arg.
Man baut sich ein Haus, alles ist am schönsten und besten, aber trotzdem ist man nur einige Zeit glücklich, weil man plötzlich merkt, dass man die nächsten 30 Jahre Leibeigener der Banken ist.
Licht wird zur Dunkelheit, Trockenheit zum Sumpf, Glück zu Unglück.
Das letztere geht sogar am leichtesten. Dazu braucht nicht einmal tatsächlich etwas passieren. Man muss nur unglücklich sein wollen - oder eben glücklich.
Gas geben
Der zweite Effekt:
Man unterschätzt meist die Geschwindigkeit, in der Änderungen stattfinden können: Selbst die kleinsten Effekte, wenn sie dauerhaft einwirken, beschleunigen Verwandlungen ungemein. Man spricht da von überproportionalem - oder eben exponentiellem Wachstum.
Klassisches Beispiel ist die Verdoppelung. Denken Sie an die Anzahl der Reiskörner auf einem Schachbrett - bei Verdoppelung von Feld zu Feld: 1-2-4-8-16-32-64-128-256-512-1024-2056.....
Einen ähnlichen Effekt können Sie auch beim Papierfalten beobachten. Ein A4-Blatt Papier lässt sich vielleicht 6 bis 7 Mal in die Hälfte zusammenfalten. Dann wird das Papier zu steif. Aber auch riesige Bögen ließen sich kaum mehr als vielleicht 12 Mal falten, aber auch nur, sofern Sie eine Maschine haben, die jegliches Luftbläschen zwischen den Papierschichten und in den Faltkanten verhindert. Und das Papier wäre dann 2 hoch 12 Mal, also 4.096 Mal so dick wie seine Ausgangsstärke (bei 1/10 mm Papierdicke wäre unser Spezialorigami dann immerhin 409,6 m dick, bei einer 13. Faltung schon fast 1 km).
Vergleichbar schaut es aus bei verzinstem Kapital: Bei nur 3 % Verzinsung mit Zinseszins würden aus € 1.000.- nach 30 Jahren € 2.427.- So Zinseszinsmäßig läuft es auch bei der Inflation und damit nominalen Geldentwertung. Bei Krediten mit laufender Tilgung sollte es glücklicherweise etwa anders sein, wenn ich mich nicht irre. Da zahlt man dann in 30 Jahren insgesamt etwa € 1.530.- zurück.
Und dann gibt es eben Finanzierungsmodelle, die Ansparerträge gegen Kreditschulden und Inflation setzen, aber da sind - für Private besonders - gleich einige Risiken drinnen: Die Inflations- und Zinsentwicklung sowie die Ertragsentwicklung der Ansparmethode. Wenn das noch langweilig ist, kann man zusätzlich noch auf Fremdwährungskursentwicklungen setzen.
Ich denke, ich hatte zu viel Mathematik in der Schule.
Aber wider besserem Wissen bin ich doch immer wieder überrascht über überproportionale Entwicklungen, wie schnell die Drehungen eines Bootes in auch scheinbar leichter Strömung werden können, wie sehr die Kurven beim Motorradfahren beißen, wenn sie enger werden.
Be the captain of your heart
Drittens: Nichts bleibt so, wie es ist.
In unserer kurzen Lebensspanne scheinen Berge unvergänglich zu sein. Sie sind es aber nur für ein Menschenleben lang, und manche Sachen, die wir für dauerhaften Bestand vorsehen, zum Beispiel Wohnhäuser, schaffen es über die Jahrzehnte doch auch nur, wenn wir dahinter sind, Wartungen und Instandsetzungen vornehmen.
Dies gilt auch für uns Menschen selbst: Wir ändern uns, zwangsläufig, und wir können die Spur nur dann halbwegs halten, wenn wir auf uns aufpassen, uns immer wieder sehen, wie wir wirklich sind, wie wir in Beziehung zu unseren Mitmenschen, unserer Umwelt sind.
Nur dann können wir Getriebe uns Lenkung nachstellen und die Scheinwerfer und die Windschutzscheibe rechtzeitig putzen. Sonst geht´s im Blindflug ins Unglück. Ein Gegenüber, diesem nur ruhig zuzuhören, ohne sofort zu mauern und gegenzuhalten, kann gut helfen
Kenn ich selber auch alles...