Spaziergänge im Theresienthal

Sie sind hier: Spaziergänge im Theresienthal

Über Zerfall und Gestank und Einflüsse auf Geschichte und Geschichten

Ich komme einfach nicht zum Schreiben. Zuerst war es zu heiß, dann war es zu kalt. Dann war es richtig, aber da waren Radtouren und Motorradtouren angesagt. Und dann hat der Hauskanal seine Funktion aufgegeben, was sich leider nicht dadurch zeigt, dass etwas Materielles wegbleibt.

Na ja. Im Stemmen und Graben bin ich wieder richtig gut, aber das sind mehr oder weniger nur Vorbereitungsarbeiten gewesen für das Tätigwerden einer Baufirma. Sie im Hof und Garten, ich im Haus. Super, wird aber trotzdem kaum meine Lieblingsbeschäftigung werden, obwohl es auch viel mit Mathematik, Physik und Chemie zu tun hat:

  • Wie – zum Beispiel – konnte ein Hauskanal jemals funktionieren, wenn er kein Gefälle hat?

  • Durch welche genauen chemischen Reaktionen und mit welcher Geschwindigkeit verrosten eingegrabene und einbetonierte eiserne Wasserrohre – und welche Rohre sind das überhaupt?

  • Und kann man aus verschiedenen Fäkalgerüchen auf die Verweildauer der Exkremente im Kanal schließen?

  • Wer zum Teufel verwendet bei mir Feuchttücher? Gehören die zu den Reiseaccessoires meiner Besucher?

Und so weiter und so fort. Das Ganze hat sicher sogar philosophische Ansatzpunkte, aber ich war zu beschäftigt, um auch diese noch auszugraben.

Zusammengenommen:

Keine Zeit zu schreiben, kaum auch für diesen Blog.

Dabei mag ich Schreiben sehr, es ist eine Art geistiger Verdauungsprozess. Vieles klärt sich dabei für mich. Und das wäre durchaus angebracht, in Zeiten wie diesen: Die Erde scheint in Konflikten zu versinken. Alle lassen die Sau raus, ihre spontane Meinung, ihren Willen für Kontra-Positionen, die Schlussfolgerungen aus ihrem Unwissen und Willen, die Welt schwarz-weiß begreifen zu wollen.

Mehr und mehr komme ich zur Meinung, dass momentan zeitgleich zwei Imperien zerfallen.

Ich frag mich nur, warum, warum jetzt, und warum gleichzeitig?

  • Am ehesten leuchtet mir die Gleichzeitigkeit ein, weil irgendwie schauen sich die beiden – ihre Häuptlinge - doch genau gegenseitig auf die Finger und ziehen und zupfen ein wenig aneinander. Und irgendwie sind sie beide auch gleich absonderlich. Sie reiten beide auf nationalistischen möchtegernpopulistischen Wellen, ich glaube eher, sie ritten. Sie wetteifern irgendwie miteinander.

  • Das „Warum“ scheint mir auch erklärlich. Da braucht man sich nur die Persönlichkeitsbilder ansehen. Aber diese exklusiven Wesenszustandsformen kamen ja auch nicht aus dem Nichts, die wurden ja gewählt. Zumindest in Amerika ist nachvollziehbar, dass das zu einem guten Teil aus Enttäuschung und Angst passierte, in dieser Welt nicht mehr bestehen zu können. In Russland soll das ein wenig anders funktionieren, so sagt man. Ich weiß es nicht, aber Angst ist sicher ein wirksames Manipulationsinstrument und kann sehr vielseitig erzeugt und eingesetzt werden. Das kennen wir ja durchaus auch hier bei uns. Leider müssen wir bei den beobachtbaren Vorgängen auch das Phänomen der selbsterfüllenden Prophezeiungen/Erwartungen bedenken.

  • Das „warum gerade jetzt“? Da ist zwischen Pazifik, Amerikanischen Ozean, Golf von Amerika und den Provinzen Kanada und Grönland die Anspannung bei der Bevölkerung sowie -auf der anderen Hälfte der Erdscheibe - beim Zaren Wladimir gerade groß genug gewesen, um was tun zu wollen, um das Versprechen MAGA zu wählen oder eine Spezialoperation zu starten. Daneben gab und gibt es natürlich auch andere Mechanismen und Effekte. Und irgendwie hängt das sehr stark mit mangelndem Wissen (= mit mangelnder Bildung), mangelnden Selbstvertrauen und mangelnder Solidarität (das ist die soziale Seite des Dunning-Kruger-Effektes) zusammen.

Ein Drittes Imperium – neben den jungen im Fernen Osten - ist das Imperium der Konzerne, des Geldes: Eine Musk- oder Thiel-Krähe hackt der anderen kein Auge aus, und so wächst dieses Imperium schneller und schneller. Aber gerade bei solchem Wahnsinnswachstum sind die Grenzen absehbar, wie bei Krebs. Es wird bis dorthin aber möglicherweise zunehmend schmerzhaft. Und jede und jeder, der glaubt, die Welt würde sich irgendwo stabilisieren, der glaubt bedingungslos an das Gute. Konzerne und Geld sind übrigens absolut mit KI (oderAI) verschränkt. Das sorgt für noch raschere Eskalation. Das baldige Ende bleibt das Gleiche.

Übrigens: Imperien (die entstehen und funktionieren anders als Nationalstaaten, schauen sie hier nach) zerfallen manchmal relativ schmerzlos, wie zum Beispiel das britische Kolonialreich oder die UDSSR.

Wir haben aber auch eine bleibende starke Erinnerung an einen eher gewaltsamen Zerfall vor etwa 2000 Jahren. Der Wegfall der römischen Vorherrschaft brachte Europa gut 1000 Jahre Mittelalter (kann man natürlich auch verklären, wird in Österreich auch gern gemacht, mit so schönen Erinnerungen wie Pest, Hungersnöten, Leibeigenschaft, einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 35 Jahren und weiteren Leckerlis).

Was aber immer (noch) gilt, trotz allem, und sogar im laufenden Weltuntergang:

Schreiben hülfe mir, alles ein wenig genauer zu untersuchen, zu bedenken, zu denken. Vor allem hülfe mir schreiben, mich loszusagen von diesem wirren irren Malstrom der Geschichte und frohgemut in meinen Tag hineinzuleben.

Ich freu mich schon auf die Zeit nach der Kanalsanierung mit den kühleren Tagen. Da werde ich dann wieder wild Handlungsfäden zu verknüpfen und beschreiben beginnen. Eines habe ich dabei auf jeden Fall vor: Eine oder einer meiner Protagonistinnen bzw. Protagonisten wird einen guten, klugen Weg in die Zukunft suchen. Einen Weg, auf dem sie – oder er – und auch seine Umwelt gut leben kann.

Wenn sie – oder er – dabei scheitert, unmittelbar - dann wird es ein trauriger Roman, oder bei einem viiiieeeel späteren Scheitern, ganz am hinteren Ende des Romans, vielleicht nur im Epilog als Möglichkeit angedeutet, dann ist es wie bei vielen Geschichten: Eh normal. Es wird in beiden Fällen o.k. sein. Was ist schon Scheitern?

Sie oder er hat gelebt, mit aller Kraft, allem Mut und aller Weisheit.


Zugriffe

******